Zwei Romane von Ursula Sinemus

Das Leben gehört den Lebenden

Buchcover Das Leben gehört den Lebenden

Inhalt

Jean Kerko gilt als vermisst. In Wahrheit ist er in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges untergetaucht und lebt seitdem unter falschem Namen. Dass er ein Kind hat, weiß er nicht. Seine Tochter Ria besitzt von ihrem Vater nur eine einzige Fotografie, mit der sie spricht und spielt, wenn sie ihrem freudlosen Alltag entfliehen will. Nach Jahrzehnten begegnen sich Vater und Tochter. Werden sie zu­einander finden?

Ursula Sinemus erzählt in ihrem zweiten Roman eine eindringliche Geschichte von Schuld, Verstrickung und Versöhnung.

Herausgegeben von Christiane Sprinz, 2012, Adendorf; ISBN 978-3-00-040498-6; 12,90 Euro
Das Buch ist restlos ausverkauft!

Rezension

Drehbuchreif

Jean Kerko fährt 1963 entgegen seinem früheren Vorsatz, nie wieder nach Deutschland zurückzukehren, als Eric Favre zur Beerdigung seiner Mutter nach Geinsburg. Beim Gang durch die Stadt, in der er aufgewachsen ist, erinnert er sich an Ereignisse und Stationen aus seiner Schul- und Studentenzeit und an seine Zeit als Soldat bis hin zu seiner Begegnung mit Madeleine in Frankreich, wo er 1944 untergetaucht ist.

Bei der Beerdigung seiner Mutter erfährt er von der Existenz seiner inzwischen volljährigen Tochter. Die Begegnung mit ihr, bei der er sich nicht zu erkennen gibt, erschüttert ihn, er weiß nicht, wie er sich verhalten soll und reist wieder ab. Einige Wochen später schreibt er Ria aus Frankreich als Eric Favre und gibt sich als früherer Freund ihres Vaters aus. Er lädt sie ein, ihn in der Bretagne zu besuchen. Ria nimmt die Einladung an, weil sie hofft, endlich mehr über ihren Vater zu erfahren, an den sie nach dem Tod der Großmutter wieder so intensiv denkt wie als Kind. Sie empfindet große Sympathie für Eric Favre. Der schafft es wiederum nicht, ihr die Wahrheit zu sagen.

Schon der Titel und der Anfang hatten mich neugierig gemacht, dann wurde ich schließlich so gefesselt wie bei wenigen Büchern und habe die Geschichte von Ria und Jean Kerko in zwei Tagen bis zu Ende gelesen.

Ein Buch wie ein Drehbuch! Ich sehe die Personen vor mir: Ria als Viertklässlerin, wie sie beim Kopfrechnen als letzte in der Klasse gedemütigt stehen bleibt und wie ihr die Tränen waagerecht aus den Augen schießen – welch einmalige Idee! Wie sie als Kind dem Scheuerlappen ihrer Mutter nicht entkommt und sich tröstet, indem sie mit der einzigen Fotografie, die von ihrem Vater besitzt, spricht und spielt. Und ich sehe ihren Vater Jean als Studenten in den Dreißiger Jahren stolz mit den Braunhemden marschieren und ich höre, wie sie die neuen Lieder grölen. Die Perspektive des jungen Jean, der dem Nationalsozialismus verfällt und große Schuld auf sich lädt, von der er sein Leben lang nicht mehr loskommt, hat mich besonders beeindruckt. Sehr glaubhaft aber schildert Ursula Sinemus auch die spätere zuerst zögerliche Annäherung von Vater und Tochter, die es Jean Kerko erlaubt, als Siebzigjähriger schließlich wieder zu sich selbst zu finden. Dazu trägt auch Rias Sohn Jasper bei, der nicht wissen konnte, dass sein Großvater noch lebt. Erfrischend schildert die Autorin, wie der Enkel ihm neugierig und unbefangen gegenüber tritt und schließlich das Vermächtnis seines Großvaters annimmt.

Ein Lesegenuss! Trotz des ernsten Themas scheint auch immer wieder der Humor der Autorin durch, wie wir ihn in den ‚Späten Lieben‘ kennengerlernt haben.

Ich denke an das Jahr 2015, wenn in vielen Schriften und Bildern daran erinnert werden wird, dass 70 Jahre zuvor der zweite Weltkrieg zu Ende ging, der eine ‚vaterlose Generation‘ zurückgelassen hat. Ein belletristischer Beitrag wie dieser könnte den Nachfahren in einer leicht zu lesenden Geschichte diese Vergangenheit nahe bringen. Ursula Sinemus gibt in ihrem zweiten Roman nicht nur der älteren Generation eine Stimme, sondern auch den Jungen und damit der Hoffnung auf Versöhnung. Eine fiktive Geschichte, aber ein sehr wahres Buch.

Katharina Kirch

Lesungen bisher in Lüneburg, Mölln, Reppenstedt, Göttingen, Holm-Seppensen

Auszeichnung

Dritter Platz beim
Frauen-Literaturpreis 2014
des Lisa e.V.

 

Späte Lieben

Buchcover Späte Lieben

Inhalt

Eine Frau verlässt ihren Mann. Das kommt alle Tage vor. Aber Heliane ist dreiundsechzig. Sie entdeckt das lange gehütete Geheimnis ihres Mannes und es bleibt ihr keine andere Wahl, als allein ein neues Leben zu beginnen. Geht das in diesem Alter überhaupt noch? Sie reist nach Ägypten und Griechenland. Sie liebt einen wesentlich jüngeren Mann – und sie gründet eine Alten-WG. Diese außergewöhnliche Frau erlebt alles neu: die eigene Wohnung, die Einsamkeit, die Verliebtheit und die neue Gemeinschaft. Und immer wieder hat sie den Mut, sich von ihrer alten Geschichte zu lösen…

Herausgegeben vom Landbeck Verlag Berlin, 2008; ISBN 978-3-9811375-3-8; 12,90 Euro
Das Buch ist restlos ausverkauft!

Rezension

Die Einsamkeit kommt immer in der Dämmerung. Heliane kann sie nicht verscheuchen. „Ich bin jetzt auch Single, das klingt modern, nach Freiheit, und es klingt jung. Ich aber bin nicht mehr jung. Ich weiß nicht, wie man ein solches Leben bewältigt.“ Heliane ist 63 und entdeckt nach einer langen Ehe mit gemeinsamer Tochter, dass ihr Mann ein Verhältnis hat: zu ihrem Bruder. Hals über Kopf verlässt sie ihr vermeintlich sicheres Nest, stellt sich dem Alleinsein. Es ist ein Straucheln und Aufstehen, ein Barmen und Bangen, ein Lodern und Glühen. Heliane entdeckt eine neue Liebe, spürt in den Armen des Jüngeren, den Frühling wiederkehren. Doch beim Blick in den Spiegel und in die Zukunft wankt der Boden, bröckelt der Mut.

Die Autorin Ursula Sinemus legt mit „Späte Lieben“ ein lebenspralles, schwungvoll erzähltes Roman-Debüt vor, das zu einer spannenden Entdeckungsreise der Möglichkeiten im Alter wird. Ursula Sinemus, Jahrgang 1940, hat selbst erst spät ihre große Liebe entdeckt: das Schreiben. Es war im Sommer vor vier Jahren, als sie die Wendeltreppe zum Salon des Literaturladens Wist hinauf stieg, um sich ihrem Abenteuer hinzugeben. Dazu ermuntert und begleitet wurde sie von Hanne Landbeck und ihrem „schreibwerk potsdam“, das diesem literarischen Erstling im gerade gegründeten Landbeck Verlag Berlin nun auch öffentlich machte.
Die Autorin, die vierzig Jahre in niedersächsischen Schulen und Schulbehörden arbeitete, setzte sich nach der Pensionierung selbst wieder auf die Schulbank und übte sich im kreativen Schreiben. Sie schrieb gegen die gesellschaftliche Norm, die einer Großmutter nicht zubilligt, dass sie noch einmal Schmetterlinge im Bauch fühlt. Und ähnlich wie bei Andreas Dresens „Wolke 9“ hält ihre Heldin selbstbewusst dagegen. Wenn Heliane wegrennt, dann nicht, weil es sich nicht „gehört“ und weil Tochter und Enkel diese Liebe missbilligen. Es sind vielmehr die eigenen Zweifel, die nicht verstummen. „Wenn ich achtzig bin, ist er sechzig und noch nicht einmal pensioniert. Wie werde ich dann aussehen, vor allem nackt?“, quält sich Heliane im Zwiegespräch.

Sie findet eine neue Gemeinschaft, lebt mit Frauen in einer WG. Aufbruch ist spürbar – hinter jeder weit geöffneten Tür des großen Hauses, das am Ende ein Haus der Generationen ist. Der Leser wird hineingezogen in die so unterschiedlichen Biografien, sieht die Menschen vor sich, die Ursula Sinemus in gut sitzende, transparente Sprachkleider hüllt, und die beredt in die eigene Fantasie hinein schreiten.

Wir können die unerschrockene Heliane bis zu ihrem 90. Geburtstag begleiten, mit ihr anstoßen und auch ihrer Schöpferin gratulieren, die sich die Mut machenden „Späte Lieben“ zutraute und sich keineswegs daran verhob.

Heidi Jäger in „Potsdamer Neueste Nachrichten“

Lesungen bisher in Potsdam, Lüneburg, Magdeburg, Hannover
Aktuell: 17. November 2014, 17 Uhr in Göttingen, Am Goldgraben 14 (Freie Altenarbeit Göttingen e.V.)

Autorin

Ursula Sinemus
Sterleyer Straße 44
21337 Mölln
bestellung@ursulasinemus.de
Bitte beachten: Beide Bücher sind restlos ausverkauft und können nicht mehr bestellt werden.

Impressum

Christiane Sprinz (Herausgeberin)
Eschenweg 3
21365 Adendorf
Tel. (04131) 187067
cs@c-sprinz.de

Bild: „Pralinen“ von Ernst Toepfer, 1920, Privatbesitz